24. April 2015 - 2 Kommentare

Linius – Webreportagen für TV- und Radiojournalisten

Webreportagen leben von Bildern. Am besten, wenn sie sich bewegen. Das Storytelling-Tool Linius hat hier viel richtig gemacht. Nach Immersive und Atavist stellen wir heute das dritte Webreportagen-Programm vor: Linius, aus dem Hause des Bayerischen Rundfunks.

Link:
Homepage
Sprache:
deutsch
Einarbeitungszeit:
20-30 Minuten
Produktionszeit:
1-3 Stunden
Preis:
Nicht-kommerziell: 25 €, Kommerziell: auf Anfrage
Ausspielart:
Selbst- oder fremd gehostete Webreportage
Anbieter:
BR, mc-quadrat
Hilfe:
FAQs, Support

Auch der Öffentliche Rundfunk hat sich ein wenig in unentdeckte Gefilde gewagt und mit Pageflow (WDR) und Linius (BR) Programme geschaffen, mit denen sich multimediale Geschichten erzählen lassen. Dankenswerterweise stehen diese Programme nun – nach einigem Hin und Her – auch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Entweder entrichtet man dafür eine kleine "Spende" oder versucht sich selbst an der – teilweise mühevollen – Installation. Ausnahmsweise haben wir diese Woche auf eine eigene Webgeschichte verzichtet und möchten eine Story des Bayerischen Rundfunks anteasern. Klicken Sie hierfür auf die untenstehende Grafik, um einen ersten Eindruck des Programms zu bekommen.

 

 

Wie bereits auf den ersten Blick klar wird: Linius ist von Fernsehleuten gemacht. Und es eignet sich auch vor allem für Geschichten, die in kleinen Bewegtbild-Schnipseln erzählt werden. Lange Texte auf farblich uneinheitlichen Hintergründen zu lesen ist mühsam und selbst in dem BR-NSU-Geschichte suboptimal gelöst. Seine Stärken entfaltet Linius bei kleinen Audio- und Videoschnipseln. Doch nicht jedes Webreportagen-Programm muss alles gleich gut können. Ganz im Gegenteil, wer Schwerpunkte setzt, kann vieles besser machen als Universalprogramme wie Immersive und Atavist.

Wir würden gerne eingeladen werden!

Nun, genug der Vorrede. Um sich bei Linius anzumelden, muss man erst einmal eingeladen werden. Das ist nicht sonderlich schwer, aber versprüht einen Hauch von Bürokratie, wie es nur der Öffentlich-Rechtliche kann. Gehen Sie dazu auf die Linius-Webseite und entscheiden Sie sich für eine Variante (kommerziell/nicht-kommerziell).

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Danach erhalten Sie eine Top-Secret-Mail mit den Zugangsdaten zu einer Demoversion. Wir wollen hier nicht die geheimen Zugangsdaten verraten. Es wäre aber schon sehr amüsant, wenn Benutzername und Passwort beide "demo" hießen.
Ebenfalls in der Mail enthalten ist die wenig subtile Aufforderung, sich Linius als Vollversion zu besorgen. Die kostet einmalig 25 Euro für nicht-kommerzielle Nutzung. Mit dem Geld sollen Serverkosten und zukünftige Updates gewuppt werden, die das Programm auf dem Laufenden halten. Einmal bezahlt, erhält man eine Mail mit einem Download-Link und einem Lizenzschlüssel. Die Daten können dann ganz regulär als Theme in ein WordPress-CMS installiert werden. Wer sich ein wenig mit WordPress auskennt, dürfte keine Schwierigkeiten haben. Für alle anderen empfehlen wir den Erkärtext vom Chefblogger.
Summa summarum ist die Installation von Linius sehr simpel – solange man WordPress kennt und nutzt. Alles andere ist kompliziert. Vor allem kommerzielle Seite setzen nach wie vor auf eigene CM-Systeme, die weniger flexibel sind. Hierfür bietet Linius einen Installations-Support an, der in der kommerziellen Version mit enthalten ist. Es ist also alles keine Raketenwissenschaft.

Ein Hoch auf WordPress!

Egal, ob in der Demo-Version oder selbstgehosteten Vollversion. Am Ende landen Sie in einem Dashboard, das nicht ohne Grund an WordPress erinnert. Da haben sich die Entwickler des Öffentlich-Rechtlichen an der Open-Source-Software bedient. Und das ist auch gut so. Innerhalb weniger Minuten findet man sich zurecht. Einziger kleiner Stolperstein ist, dass zwischen Seiten und Kapiteln unterschieden wird. Erst müssen Seiten angelegt werden, die dann in Kapiteln zusammengefasst werden können. Aber das ist nach ein paar Klicks schon intuitiv erlernt.
Wirklich erwähnenswert sind hingegen die diversen Seitentypen. Es gibt simple Artikel, die später Texte auf den Bildschirm bringen. Audio- und Video-Seiten, wobei erstere durch einbettbare Hintergrundbilder auch keine visuellen Endmoränen sind. Auch Bildergalerien zählen zum Repertoire, genau wie ein Seitentyp namens Hotspot. Der meint schlicht eine hochladbare Grafik, die mit einer zweiten Ebene versehen wird, sodass der User auf der Grafik kleine "Hotspots" anklicken kann und sich so Fenster und kleine Pop-ups öffnen, die zum Beispiel Hintergrundinformationen preisgeben. Am Ende sieht das ein wenig aus wie ThingLink. Gut durchdacht, Herr BR!

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Für die Einleitungsseite gibt es einen Seitentyp namens Intro, dessen bennenswerte Neuerung darin besteht, hinter Überschrift und Teasertext ein kurzes Video oder eine Audiodatei abspielen zu können. So etwas ist Geschmackssache. Persönlich mag ich soetwas nicht sonderlich, da es recht aufdringlich ist. Nichtsdestotrotz ist es gut, dass Linius die Option überhaupt anbietet. Möchte man im späteren Verlauf die Kapitel eindeutig von einander trennen, steht auch dafür eine Seitenart bereit. Nicht zu vergessen sind noch die Optionen Lupe und Slider, die dem User ermöglichen Bilder ganz genau zu betrachten bzw. zwei Bilder miteinander zu vergleichen – ähnlich wie das Programm Juxtapose. Nicht ganz unwichtig ist auch die Interaktiv-Seite. Hier kann jeder Fortgeschrittene HTML, CSS und JavaSrcipt hineinprogrammieren. Daumen hoch für so viel Offenheit.

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Am Ende wird in der gewohnten WordPress-Art publiziert. Ein Klick und schon ist man online. Bis dahin können aber einige Stunden vergehen. Wer eine gute Webreportage haben möchte, muss Zeit investieren. Bewegtbild frisst bekanntlicherweise immer sehr viel mehr Zeit als eine textfokussierte Online-Geschichte. Das ist bei Linius nicht anders. Am Ende steht die Geschichte auf der eigenen Webseite online. Einbettungslinks und ähnlichen Schabernack kann man sich bei Linius sparen. Hier kann sich die Konkurrenz mal eine Filmspule abschneiden.

Ach, wie langweilig ist das Paradies

Sieht man sich verschiedene Linius- oder Pageflow-Reportagen an, wird schnell klar. Das ist was Ordentliches. Seriös. Und auch ein wenig langweilig. Denn schon nach der dritten Scrollytelling-Reportage ähnelt sich der Aufbau. Was man auch macht, die Ästhetik bleibt gleich, das Layout variiert nur in Nuancen. Durch das ungewöhnliche, seitenhafte Blättern der Scrollytellings sind Pageflow und Linius sofort wiedererkennbar. Der Gewöhnungseffekt stellt sich umso schneller ein. Das ist sehr, sehr schade. Linius hat das Potenzial für mehr. Aber man merkt ihm seine Herkunft an. Für den BR war es ein großer Sprung, doch für den Ausdauerlauf hat es nicht gereicht. Warum das Programm nicht weiterentwickelt wird, andere Layouts erhält oder gleich ganz frei vom Nutzer designbar programmiert wurde, wissen nur die Granden der großen Anstalt. Das kann so schwer nicht sein und wer hätte das nötige Geld, wenn nicht die medialen Schlachtschiffe der ARD?

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Fazit: Ein One-Time-Tool mit Stil

Was ist toll?

Toll ist, dass es Linius überhaupt gibt. Innovation ist bekanntlicherweise nicht die Stärke der Öffentlich-Rechtlichen. Deswegen erst einmal ein großes Lob. Auch der Preis von einmalig 25 Euro ist okay. Für ein stabiles und facettenreiches Tool ist das nicht zu viel verlangt – zumal es völlig responsiv ist. Sich also auch kleinen Browserfenstern von Smartphones willig anschmiegt. Auch die Installation als WordPress-Theme ist gelungen. Pageflow hatte einige Kinderkrankheiten, Linius hat daraus gelernt. Dass das CMS überhaupt auf WordPress basiert, ist ein großes Plus. Das Programm ist weit verbreitet und leicht zu bedienen. Zudem ist der Fokus auf Bewegtbild ungewöhnlich. Die meisten Programme setzten auf textlastige Webreportagen. Linius zeugt, dass es auch anders geht. Gut so!

Was nervt?

Mit den 25 Euro könnten wir leben. Über die pseudobürokratische Einladungs-Mail mit den Passwörtern würden wir hinwegsehen. Die relativ langen Ladezeiten – geschenkt. Und auch die vielen Kleinigkeiten, die man dann doch ein wenig anders gebaut hätte, sind nicht der Rede wert. Aber die Eintönigkeit, die uns nach ein paar Scrollytellings aus dem Hause Linius und Pageflow ergreift, die ist echt. Und sie schmeckt bitter. Auch andere Programme haben nicht immer eine große Bandbreite an Layout-Optionen. Doch bei Linius fällt es besonders auf. Vielleicht aufgrund des ungewöhnlichen Seiten-Scrollings. Vielleicht, weil Linius anders als die meisten nicht auf ein minimalistisches Design setzt, sondern eine eigene (wiedererkennbare) Farb- und Formensprache hat. Dieser Gewöhnungseffekt macht Linius aus unserer Sicht zu einem Einmal-Shot. Wer öfter auf das Programm zurückgreift, droht seine Leser einzuschläfern.

Linius eignet sich für ...

... Bewegtbild-Web-Reportagen. Auch Radiojournalisten kommen mit diesem Tool endlich auf ihre Kosten. Zumal Audios schneller laden und sich so die Seiten der Webreportage schneller aufbauen. Wer keine Alibi-Texte zwischen seine tollen Videoschnipsel schmieren will, sollte nicht Immersive oder Atavist benutzen, die auch Videos integrieren, sondern zum wirklichen Video-Tool Linius greifen.

Linius eignet sich nicht für ...

... textlastige Webreportagen. Das können andere Programme besser.

Linius erhält leider aufgrund seines Gewöhnungseffektes nur drei von fünf möglichen BLEIWÜSTEN-Punkten.

Nutzerfreundlichkeit:
Innovativität:
Einstellungsoptionen:
Design:

Unsere Meinung:

Und so kann es aussehen, wenn es fertig ist:

  • "Wer hat den Größten?" Puls analysiert den Wortschaft deutscher Rapper und beweist, dass Linius doch zuweilen ohne Bewegtbild auskommt

 

Veröffentlicht von: Michel Penke in Allgemein
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Kommentare

drensek
8. Mai 2015 um 14:43

Was mich etwas irritiert, dass MC-Quadrat sich standhaft weigert, irgendeine Frage zu beantworten. Und das vor dem Hintergrund, dass auf der Website leider NICHT klar wird, wie und ob man mehrere Linius Stories unter einer Inhalts-Startseite ohne großen Aufwand installieren kann. Ich bin ja gerne bereit, 25€ Schutzgebühr zu investieren für Updates etc., aber so ein desinteressiertes Verhalten habe ich noch nie erlebt. Oder ist das nur ein Trick, die Freigabe des vom BR mit Gebühren-Geldern finanzierten WP-Themes zu unterlaufen dahingehend, dass man Interessierte zwingen möchte in die kommerzielle Variante, an der MC Quadrat anscheinend die Rechte hat…? Kein schöner Zug…

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